Zugewichtelter Blogbeitrag

Carry This Picture For Luck

Mit dem Fotografieren und mir ist das ja so eine Sache.

Eine komplizierte Sache nämlich, um genau zu sein. Eine unendliche Geschichte gar. Denn so oft ich auch versuche, mich ein wenig mehr in das Sujet zu vertiefen, mich selber mal auf Pirsch nach schönen Motiven zu begeben um dann am Ende ganz verzückt die eigenen Bilder begutachten und als ansehnlich befinden zu können; es ist immer ein Gehversuch mit Krücken. Erstens könnte das natürlich daran liegen dass ich meine Kamera fast nie bei mir habe. Oder sagen wir es doch einfach noch konkreter: Wenn ich meine Kamera dabei habe, werte Leser, dann können sie sich aber mal absolut sicher sein, dass ich an diesem Tag oder meinetwegen auch über den gesamten Urlaub verteilt nicht ein gescheites Motiv finden werde, bei dem ich mir direkt denke: „Das ist ein Weltwunder, das musst du knipsen“. Wobei „knipsen“ ja wahrscheinlich ein Wort ist, dass man unter geübten und ernsthaften Fotografen eher nicht verwenden sollte; „knipsen“, das klingt so wie nichts Halbes und nichts Ganzes, wie ein Quickie auf einer Bahnhofstoilette, das will man ja eigentlich auch selber gar nicht. Wenn ich Fotos mache, dann will ich doch hinterher nicht sagen müssen: „Guck mal, und dann habe ich noch das hier geknipst, das ist mein Lieblingsbild.“ „Knipsen“, das macht man auf einem Konzert mit seiner Handykamera. Also wirklich: Knipsen. Ich sollte in meinen Blogbeiträgen wirklich besser auf meine Wortwahl achten. Erst recht wenn ich nur zu Besuch bin. Wo um alles in der Welt bleiben meine Manieren?

Zurück zum eigentlichen Thema. Auch wenn sie den Fortgang meiner Argumentation ja mit einiger Wahrscheinlichkeit bereits ahnen können. Denn diese fährt fort wie folgt: Wenn ich meine Kamera an einem Tag oder in einem Urlaub mal nicht dabei haben sollte; na raten sie mal was dann passiert? Dann stolpere ich über Motive am laufenden Band. Sie schreien mich förmlich an, sie rufen: „Mach ein Foto von mir, zeig mich deinem Freundeskreis, lass es vergrößern, rahme es ein, werde glücklich damit.“ In einem verzweifelten Versuch der Rettung einer äußerst verfahrenen Situation wird man als Außenstehender in diesen Momenten beobachten können, wie ich hektisch versuche, in meinen Taschen zu kramen, immer die leise Hoffnung im Hinterkopf, dass ich ja eventuell durch göttliche Vorahnung getrieben doch meine Digitalkamera eingepackt haben könnte, um sie nun triumphierend hervorzuholen und zu rufen: „Tadaa, Motiv. Du wirst nicht vergessen sein.“ Einen ob der offensichtlich nicht vorhandenen göttlichen Vorahnung enttäuschten Gesichtsausdruck später werde ich mich dann umschauen, gucken ob keiner guckt, verstohlen in meine Hosentasche greifen, mein Handy anschauen und sagen: „Heute kannst du das besser als sonst“ und dann halt doch wieder knipsen. Woraufhin sich das Motiv grundsätzlich in die Rolle der beleidigten Leberwurst flüchtet und mit Vorsatz ganz besonders scheisse aussieht. Das rahmt man sich dann auch ganz bestimmt nicht ein. Das vergisst man, stösst ein halbes Jahr bei der gründlichen Begutachtung seines Handyspeichers wieder darauf und löscht es.

Aber Moment: Sagte ich da ein paar Sätze vorher das Wort Digitalkamera? In jener nämlich ist das nächste Problem verborgen. Meine Mutter, sicher nicht die schlechteste Fotografin, schwörte ja bis vor kurzem auf so richtig alte, klobige Teile; zu denen würde man heute nicht mehr Fotoapparat, sondern ob ihrer Größe eher Brotkasten mit Blitzlicht sagen. Inzwischen ist sie zwar auch auf digitale Fotografie umgestiegen, aber: Ob sie damit nun so ganz glücklich ist? Ich weiß ja nicht. Denn eines hat sich mit dem Fortschritt der Technik ja nicht geändert: Qualität kostet auch beim Fotografieren ihren Preis. Und daher: Selbst wenn ich meine Digicam einmal dabei hätte: Ich zweifle daran, dass sie tatsächlich zum Erschaffer schöner Bilderwelten geboren wurde. Für meine Verhältnisse schien das Teil zwar schon recht teuer zu sein, aber wenn ich mal ganz ehrlich bin: Trotz recht intensiven Studiums der Funktionen scheint mir mindestens die Hälfte dieser als toll und fortschrittlich beworbenen Features reichlich sinnlos zu sein. Oder es fehlt mir die Geduld.

Letzteres könnte auch in einem mangelnden Urvertrauen zwischen mir und dem Medium der Fotografie an sich verwurzelt sein. Denn ich bin nicht fotogen. Da können mir die Leute um mich herum noch so tapfer Mut zusprechen: Ich bin es wirklich nicht. Und ich kann auch noch so sehr versuchen, auf Fotos einmal wirklich schön zu gucken, so wie das so ziemlich alle weiblichen Wesen, die ich kenne, auf Knopfdruck schaffen. Wobei das ja inzwischen bei weitem nicht mehr alleiniges Herrschaftsgebiet der Frauen ist. Irgendwann muss der liebe Gott mal ein Fotogenitäts-Gen an die Menschheit verteilt haben, zu Weihnachten oder so. Ich habe da scheinbar den Auslieferungstermin verpennt. Will heissen: Immer wenn ich Fotos von mir sehe, denke ich mir: „Och nee.“ Vielleicht ist das in meinem Unterbewusstsein derart tief verankert, dass sich das zwangsläufig denkt: „Nee du. Fotoapparat lässt du mal lieber zu Hause. Sonst fotografiert am Ende noch jemand dich.“ Was natürlich in gewisser Weise nicht weit genug gedacht ist, denn dabei vergisst das Unterbewusstsein ja nun mal, dass erstens auch andere Menschen Fotoapparate besitzen und das zweitens bei mir durch diese fehlende Kamera ein akuter Mangel an Fotografiepraxis entsteht. Aber dafür kann man das Unterbewusstsein ja nun nicht verantwortlich machen. Wenn es nicht ein bisschen minderbemittelt wäre, hätte es nicht unter dem Fluch des Präfixes „Unter“ zu leiden.

Zwei- bis dreimal, ab und an geschieht so was ja einfach aus Versehen, sind mir dann aber doch schon mal so richtig schöne Fotografien gelungen. Motive, bei denen ich mir stets dachte, dass man die ja auch echt mal ausdrucken könne, und dann vergrößern, und dann einrahmen, um sich dann sagen zu können: „Na, zumindest ein bisschen was hast du ja mal geleistet auf dem Gebiet der Fotografie. Kannst dir offiziell bescheinigen, dass du auch anderer Sachen als des bloßen Knipsens mächtig bist. Und kannst dich jetzt immer daran erinnern, wie es war, wie die Luft schmeckte, wie der Himmel aussah, was du dachtest; als du dieses Motiv fotografierst hast, das da, direkt an deiner Wand.“ Und dann war doch nie Zeit dafür, weswegen eine Gelegenheit nach der anderen verstrich, jene Ausnahmen der Regel von der externen Festplatte zu retten und in ihre wahre Bestimmung zu hieven.

Ich konnte ja nicht ahnen, dass meine Festplatte auch Fotograf ist.

Die „knipste“ nämlich vor drei Wochen auch. Und zwar sich selbst das Licht aus.

Mit dem Fotografieren und mir ist das halt so eine Sache.

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14 Gedanken zu „Zugewichtelter Blogbeitrag

  1. creezy

    Stark! Das ist doch mal ein richtig cooler Wichtelbeitrag. Frau bhuti, ich bin begeistert ob Ihres Wichtels. Das wäre ja fast schon Dunkelkammerartistik-Content. Jetzt müssen wir nur rausbekommen, wer Dein Wichtel ist.

    Antwort
  2. Der Wichtlerwicht

    Mir juckt es ja, wenn ich ganz ehrlich bin, schon ein wenig in den Fingern. Die Versuchung ist sehr stark, wie immer beim Wichteln, sich irgendwann eben doch zu offenbaren. Werde das aber freilich erst dann ernsthaft in Erwägung ziehen, wenn ich auch wirklich explizit darum gebeten werde.

    An dieser Stelle aber schonmal einen sehr lieben Dank für das Lob. Es war mir eine Freude, bhuti zu bewichteln.

    Antwort
  3. Jekylla

    Feiner Beitrag, Frau bhuti!

    Und auch hier das Rätselraten: who was it?

    Langsam habe ich jeden für alles in Verdacht ;-)

    Antwort
  4. der wichtlerwicht

    hmmm. verlockend. ;)

    aber wollen sie nicht vielleicht doch erstmal eine vermutung äußern? wenn ich hier jetzt einfach so hinschreibe wer ich bin können sie das nie wieder rückgängig machen. also nutzen sie ihre chance des ratens so lange sie noch können.

    oder sind sie nicht so die raterin?

    Antwort
  5. der wichtlerwicht

    ich glaube die bhuti steckt gerade in einem rateloch. da müssen wir sie alle mal ganz laut rausrufen, also liebe kinder, auf drei:

    1

    2

    3 bhuuuuuuuuuti!!

    Antwort
  6. bhuti

    Nun schreien Sie mal nicht so laut, Sie Wicht – oder sollte ich evtl. Wichtylla sagen – Sie. Das weckt ja ´ne alte Frau aus dem Winterschlaf.

    Zur Strafe rate ich jetzt erst recht nicht ;-)

    Antwort
  7. der wichtlerwicht

    okay, bei akuter rateverweigerung muss ich natürlich klein beigeben. aber tue ich das nun via mail oder hier in den kommentaren?

    ich bin bereit, meine identität preiszugeben. falls du das auch weiterhin möchtest, sag mir bitte auf welchem weg du es bevorzugst.

    ich wünsche einen schönen 2. advent.

    Antwort
  8. bhuti

    Ach,ich rateverweigere doch in erster Linie, weil ich den Überblick verloren habe, wer schon alles „enttarnt“ ist und zu faul bin noch mal alles zusammenzusuchen ;-)

    Also schlage ich vor, wenn Du damit einverstanden bist, dass Dein wunderschöner Beitrag auch in creezys Dunkelkammerartistik veröffentlicht wird, dann outest Du Dich hier in den Kommentaren, ansonsten via Mail.

    Antwort
  9. Knurrunkulus

    nun, dann wollen wir mal:

    bhuti, sie haben hier ein sehr schönes blog. mein name ist knurru, ich bin in meiner freizeit gerne manchmal ein bißchen wichtelig und es war mir daher eine große freude, sie zu bewichteln und zugleich so schöne worte des lobes zu hören.

    ich bin außerdem sehr erleichtert, hier nun endlich mit meinem blogger-account kommentieren zu können. bei den vorherigen kommentaren hätte ich einmal fast zu spät dran gedacht, auf die „spitznamen“-option zu klicken. das wäre mal doof gewesen.

    und das mit der dunkelkammerartistik, also wirklich, das ist mir eine ganz besondere ehre.

    hm. ich fühle mich so enttarnt. ;)

    Antwort

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